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12 Fragen zur nachhaltigen Forstwirtschaft im Reinhardswald

beantwortet von Forstamtsleiter Dr. Markus Ziegeler

 

1. Was bedeutet nachhaltige Forstwirtschaft?

Das Ökosystem Wald kann verschiedene Leistungen hervorbringen, die für die Ziele des einzelnen Menschen und der Gesellschaft insgesamt von Bedeutung sind. Nicht nur der wertvolle Rohstoff Holz, sondern auch der Klimaschutz, die natürliche Biotop- und Artenvielfalt und die Funktion als Erholungs- und Erlebnisraum spielen hierbei eine wichtige Rolle. Nachhaltigkeit bedeutet für uns, dass wir durch die Art der Bewirtschaftung einen höchstmöglichen Beitrag zum Erreichen der gegenwärtigen Ziele leisten und gleichzeitig ein entsprechendes Potenzial für zukünftige Generationen schaffen und erhalten.

2. Wie wird nachhaltige Forstwirtschaft im Reinhardswald umgesetzt?

Der Reinhardswald ist zum größten Teil öffentlicher Wald im Eigentum des Landes Hessen, also letztlich aller hier lebenden Bürgerinnen und Bürger. Die vielfältigen Zielvorstellungen, die damit vorliegen, verpflichten uns mit Blick auf die nachhaltige Bewirtschaftung zu einem multifunktionalen Ansatz. Wir nehmen also nicht einzelne Ziele wie die Rohstoffproduktion, die Biodiversität oder die Erholungsleistung in einen besonderen oder gar ausschließlichen Fokus. Vielmehr gilt es, die verschiedenen Ziele in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander zu erreichen.

3. Welche Ziele haben Sie bei der Bewirtschaftung des Reinhardswaldes?

Wenn wir uns nur auf die Bereitstellung von Erholungsleistungen beschränken würden, wäre der Reinhardswald ein Park. Bei ausschließlichem Schutz der natürlichen Arten- und Biotopvielfalt wäre er konsequenterweise ein Nationalpark, bei Fokussierung auf die Holzproduktion eine Plantage. Mit Blick auf die verschiedenen gesellschaftlichen Ziele nutzen wir die Fläche dann am effizientesten, wenn wir es schaffen, möglichst alle Leistungen im Sinne eines Gesamtoptimums zu erbringen. Das Streben nach diesem Gesamtoptimum ist unser Ziel bei der Bewirtschaftung des Reinhardswaldes.

4. Wieviel Holz wird im Reinhardswald jährlich genutzt?

Vor dem Sturm Friederike konnten wir jährlich rund 137.000 Kubikmeter oder etwa 90 % des Zuwachses nachhaltig nutzen, wobei der größte Teil dieser Menge im Zuge von pflegenden Durchforstungen anfiel. Durch den Sturm im Januar 2018 wurden jedoch viele Flächen derart in Mitleidenschaft gezogen, dass hier in den nächsten Jahren zunächst eine Wiederbewaldung erfolgen muss. Und weil Holz bekanntermaßen nur an Holz wächst, wird sich die nachhaltige Nutzungsmenge über einen längeren Zeitraum reduzieren.

5. Wofür wird der Rohstoff Holz vor allem verwendet?

Der wertvolle Rohstoff Holz ist ein Multitalent, das in vielen Bereichen verwendet wird. Ob als Wertholz für hochwertige Verwendungen, als Bau- oder Möbelholz, für Paletten, Spanplatten oder Papier – es gibt fast keinen Bereich, aus dem Produkte aus Holz wegzudenken sind. Eine besondere Bedeutung hat klassischerweise das Bauholz, da der Bedarf hiernach besonders hoch ist.

6. Welche Zukunft hat der Rohstoff Holz?

Alternative Stoffe wie Stahl, Aluminium oder Kunststoff sind alle mit mehr oder weniger großen Nachteilen verbunden. Entweder sie werden nicht nachhaltig produziert, weil die Ausgangsstoffe nur begrenzt vorhanden sind, sie benötigen zur Herstellung sehr viel Energie oder sie sind insbesondere am Ende ihrer Verwendung schädlich für die Umwelt. Vor diesem Hintergrund sprechen viele tatsächlich von einem absehbar bevorstehenden „hölzernen Zeitalter“.

7. Welche Auswirkung hat die Holzproduktion auf den Klimawandel?

Bei der Fotosynthese entziehen unsere Bäume auf natürliche Weise klimawirksames Kohlendioxid der Luft und speichern es in ihrem Holz. Der Holzvorrat des Waldes ist insofern ein riesiger CO2-Speicher, der dazu beiträgt, den Klimawandel wirkungsvoll zu begrenzen. In nutzungsfreien Wäldern würde das Holz irgendwann wieder zerfallen, wobei ein wesentlicher Teil des vorher gebundenen Kohlendioxids wieder freigesetzt wird. Wenn wir also nachhaltig Holz ernten, den Waldvorrat dabei stabil halten und das geerntete Holz möglichst langlebig zum Beispiel in Form von Bauholz verwenden, erhöhen wir den CO2-Speicher beträchtlich. Darüber hinaus können wir mit der Verwendung von Holz andere Rohstoffe wie Aluminium, Stahl oder Beton ersetzen, für deren Herstellung viel Kohlendioxid zusätzlich entsteht.

Dr. Markus Ziegeler spricht bei den 44. Reinhardswald-Kontakten / Foto: K. Brämer HessenForst

Waldsperrung bei Baumfällungen / Foto: M. Stadtfeld

Am Bau nicht wegzudenken: Dachstuhl aus Fichte / Foto: Capri23auto / pixabay

Schwarzstorch mit Nachwuchs im Reinhardswald / Foto: Arnulf Mueller

Förster kontrollieren den Verbissschutz / Foto: M.Stadtfeld

Huteeiche: Relikt vergangener Zeiten und Naturhistorisches Erbe des Reinhardswaldes / Foto: K. Kahle

8. Welche Naturschutzziele haben Sie?

Mit Blick auf den Staatswald sorgen wir für die Integration der Biodiversitäts- und Schutzziele des Landes Hessens in seine nachhaltige und multifunktionale Bewirtschaftung. Gleichermaßen im Fokus stehen hier der Biotop-, der Arten- und der Prozessschutz. Bei Erfordernis einer Abwägung haben diese Ziele Vorrang wegen ihrer Bedeutung für den Erhalt und die Entwicklung des Ökosystems Wald. Darüber hinaus übernehmen wir auch außerhalb des Staatswaldes Naturschutz-Dienstleistungen im Auftrag der Naturschutzbehörden. Um unsere Aufgaben in diesen Bereichen sowohl im Staats- als auch im Nichtstaatswald bestmöglich zu erfüllen, arbeiten wir vertrauensvoll mit den entsprechenden Behörden sowie den anerkannten Naturschutzverbänden zusammen

9. Welche positiven Beispiele für die Vereinbarkeit von Natur- oder Artenschutz und Nutzung fallen Ihnen ein? Was waren die Erfolgsfaktoren?

Viele Arten, die in den vergangenen Jahrzehnten vom Aussterben bedroht oder gänzlich aus unserer Kulturlandschaft verschwunden waren, haben heute wieder Einzug in den Reinhardswald oder benachbarte Gebiete gefunden. Als prominente Beispiele sind hier der Luchs, die Wildkatze oder der Schwarzstorch zu nennen. Ein wesentlicher Grund für diesen Erfolg liegt sicherlich in der naturnahen Bewirtschaftung unserer Wälder durch verantwortungsbewusste Forstleute, deren Interesse schon immer auch im Bereich des Naturschutzes lag.

10. Wie macht sich der Klimawandel in der Forstwirtschaft bemerkbar und wie reagieren Sie darauf?

Die mit dem Klimawandel einhergehenden Witterungsereignisse wie höhere Sommertemperaturen, längere Trockenphasen oder ausgeprägte Sturmlagen machen den Wäldern bereits heute zu schaffen. Vor diesem Hintergrund fördern wir zunächst durch gezielte Pflegemaßnahmen die Stabilität und Vitalität unserer aktuellen Waldbestände. Dass dieses im Extremfall nur begrenzten Erfolg hat, zeigen uns die Folgen des Sturms und der darauffolgenden Sommertrockenheit im Jahr 2018. Deshalb versuchen wir, bei der Begründung neuer Waldbestände neben den natürlich vorkommenden Baumarten auch solche behutsam in das Ökosystem zu integrieren, die mit den zukünftigen klimatischen Bedingungen nachweislich besser zurechtkommen. Eine Streuung des Risikos durch eine Beteiligung möglichst vieler klimatoleranter Baumarten am Wald der Zukunft halten wir für eine zielführende Strategie, um das vielfältige Leistungspotenzial des Waldes auch für künftige Generationen zu erhalten.

11. Es gibt verschiedene Vorstellungen, wie Naturschutz umgesetzt werden soll: Flächenstilllegungen oder Naturschutz in der bewirtschaftetet Fläche.

Was sind aus ihrer Sicht zukunftsweisende Konzepte zur Vereinbarung von Naturschutz- und holzwirtschaftlichen Zielen?

Insbesondere bei der Bewirtschaftung des Staatswaldes gilt es, die verschiedenen Ziele in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander zu erreichen. Vor diesem Hintergrund setzen wir die Biodiversitäts- und Schutzziele grundsätzlich im Rahmen eines integrativen Ansatzes um. Dabei kann es beispielsweise mit Blick auf den Schutz besonders sensibler Arten und Biotope oder den Erhalt natürlicher ökosystemarer Prozesse durchaus zielführend sein, bestimmte Bereiche mehr oder weniger vollständig aus der forstlichen Nutzung zu nehmen. Unsere bereits bestehenden Kernflächen und perspektivisch auch diejenigen Standorte, die wir in den nächsten Jahren wieder zu Waldmooren zurückentwickeln wollen, sind hierfür Beispiele. Unser zukunftsweisendes Konzept beinhaltet also kein „entweder oder“, sondern vielmehr ein „sowohl als auch“. Wichtig ist es, dass wir dabei das Streben nach einem möglichst hohen und nachhaltigen Gesamtnutzen für die Gesellschaft im Blick behalten und nicht nur den Ansprüchen einzelner sektoraler Interessengruppen folgen.

12. Welche landschaftsästhetischen Ziele verfolgt das Forstamt?

Die Schönheit einer Landschaft ist eine wichtige Grundlage für deren Erholungs- und Erlebniswert. Der Reinhardswald mit seinen Eichenbeständen, seinen Alleen, Waldwiesen und nicht zuletzt seiner ausgedehnten Buchenfläche entlang der Weserhänge hat zweifelsohne einen besonderen Charakter, den es mit Blick auf die gesellschaftlichen Ziele insbesondere bei der Bewirtschaftung des Staatswaldes zu bewahren und zu entwickeln gilt. Damit dieser Charakter für die Besucherinnen und Besucher erlebbar wird und damit seine positive Wirkung entfalten kann, setzen wir seitens des Forstamts auf eine gute Zusammenarbeit mit dem Naturpark Reinhardswald.