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Flora und Fauna im Naturpark Reinhardswald

Ob im über 20.000 ha großen Reinhardswald mit Baumbeständen verschiedener Arten und Altersklassen oder auf den meist trockenen und lichten Kalkmagerrasen des Diemeltals - Pflanzen und Tiere fühlen sich hier wohl. Beide Lebensräume zeichnen sich durch das Vorkommen besonderer Arten aus, die auf die jeweils bestimmten standortbezogenen Faktoren angewiesen sind. Einige Arten sind dabei in ausgewiesenen Schutzgebieten unter Schutz gestellt, um die besondere Art zu erhalten und gezielt zu fördern. Aber auch für Deutschland typische Tier- und Pflanzenarten kommen hier in großer Zahl vor.

Menschliche Nutzung brachte Schätze der Natur hervor

Natur ist nicht gleich Natur. Oft geht man davon aus, dass die Natur sich erst richtig entfalten kann, wenn sie in Ruhe gelassen wird. Das stimmt aber nur in Teilen. Im Naturpark Reinhardswald sind tatsächlich viele landschaftliche und naturschutzfachliche Besonderheiten erst durch menschliche Nutzung entstanden und auch heute noch auf kontinuierliches Zutun des Menschen angewiesen.

Hute-Eiche im Urwald Sababurg / Foto: VDN/Jörg Ossenbühl

Hute-Eichen - markant, auffällig und hunderte Jahre alt

Die markantesten Symbole des Reinhardswaldes sind seine jahrhundertealten Hute-Eichen. Einige von ihnen sind bereits 600 Jahre alt, manchen sagt man sogar ein Alter von bis zu 1.000 Jahren nach. Die Eichen wurden früher als Hute-Wald gezielt angepflanzt und gefördert. Schweine, Rinder, Schafe und Pferde durften sich an ihren nährstoffreichen Eicheln satt fressen. Heute prägen genau jene alten Eichen den besonderen Charakter dieser Landschaft und machen den Reinhardswald unverwechselbar. Dabei haben wir es menschlichen Zutuns zu verdanken, denn in den Wäldern der deutschen Mittelgebirge entsprechen eigentlich Buchen der potenziell natürlichen Vegetation. Buchen sind unter den hier gegebenen Bedingungen konkurrenzstärker als Eichen und verdrängen diese ohne menschliche Unterstützung, z.B. durch Freistellung.

Manche Exemplare der alten Hute-Eichen sind noch immer ganz vital und lebendig, andere weisen bereits einen hohen Anteil an Totholz auf. Im Laufe des Lebens einer Hute-Eiche wird der Baum aus ökologischer Sicht aber immer wertvoller, denn er wird zum Lebensraum anderer Arten. Spechte zimmern Höhlen, in die später zum Beispiel Eulen oder andere Tieren, die auf Baumhöhlen angewiesen sind, einziehen und diese als Lebensraum weiternutzen.

Kalkmagerrasen mit zahlreichen Orchideen / Foto: Christiane Sasse

Kalkmagerrasen

Die Entstehung der aus naturschutzfachlicher Sicht wertvollen Kalkmagerrasen-Flächen des Diemeltals geht auf menschliche Nutzung zurück. Sie sind das Ergebnis der Beweidung mit Schafen und Ziegen. Die steilen Kalksteinhänge an der Diemel eigneten sich nur schlecht für die Landwirtschaft, zum Beispiel zum Anbau von Getreide, umso besser aber als Weidefläche für Schafe und Ziegen. Wenn es diese "Landschaftsgärtner" nicht gäbe, wären die Kalksteinhänge heute verbuscht und bewaldet. Durch die Beweidung und das Herausstellen der Kalkmagerrasen-Flächen sind spezielle Lebensräume für Arten entstanden, die auf genau diese Gegebenheiten angewiesen sind. So erhielt das Diemeltal als einziges Gebiet Norddeutschlands die europäische Auszeichnung „European Prime Butterfly Area“. Denn in den u.a. Naturschutzgebieten dieser Region sind aufgrund der besonderen Vegetation zahlreiche seltene Tagfalter- und Schmetterlingsarten heimisch, wie beispielsweise der Thymian-Ameisenbläuling. Aber auch Wacholder, Thymian und zahlreiche seltene Ochideenarten haben hier ein besonderes Vorkommen.

Seltene und gefährdete Arten

Hier möchten wir Dir einige seltene und gefährdete Arten, die im Naturpark Reinhardswald einen Lebensraum gefunden haben, vorstellen. Der Schutz und Erhalt sowie die Förderung dieser Arten liegt uns daher besonders am Herzen:

Foto: VDN/Stanislaus Plewinski

Thymian-Ameisenbläuling

Eine eher seltene und gefährdetet Tagfalter-Art, die auf den Kalkmagerrasen-Flächen des Diemeltals einen geeigneten Lebensraum gefunden hat, ist der Thymian-Ameisenbläuling. Als „Kuckuck unter den Schmetterlingen“ verbringt er einen Teil seines Lebens in Ameisennestern. Weibliche Thymian-Ameisenbläulinge legen ihre Eier zunächst auf Pflanzen ab, die den Raupen als Futter dienen. Nach einiger Zeit lässt sich die Raupe von der Pflanze fallen und von Ameisen ins Ameisennest tragen, wo sie überwintert. Die Raupe scheidet Honigtau ab, der von den Ameisen genutzt wird, ernährt sich aber gleichzeitig bis zur Puppenruhe von den Larven und Eiern der Ameisen. Die Ameisen bemerken diesen "Trickbetrug" zunächst nicht, bis der Schmetterling im folgenden Jahr schlüpft - dann muss er schnellstmöglich und ungesehen das Ameisennest verlassen. Hierfür stehen die Chancen frühmorgens am besten, wenn die Aktivität der Ameisen am geringsten ist.


 

VDN/Siegfried A. Walter

Eremit

Der Eremit ist eine seltene und streng geschützte Käferart. Er lebt fast ausschließlich in Mulmhöhlen. Mulm ist abgestorbenes Holz, das bereits zu Spänen zerkleinert wurde und sich in einem weiteren Stadium der Holzzersetzung befindet. Mulmhöhlen kommen in abgestorbenen oder noch lebenden Bäumen vor, deren Kern bereits abgestorben ist. Der Eremit hat aber noch weitere Anforderungen an sein Heim: er wählt gerne Mulmhöhlen in großer Höhe, mindestens 6 Meter über dem Waldboden. Damit sich Eremiten besonders gut vermehren können, dürfen ihre Höhlen gern über 50 Liter Mulm fassen. Er ist daher auf das Vorkommen alter, dicker Bäume mit Totholz angewiesen. Das Vorkommen von Eremiten erlaubt  auch Rückschlüsse auf den Lebensraum weiterer Arten. Denn alte, dicke aber noch aufrecht in den Himmel ragende Bäume mit viel Totholz gibt es weniger, als man denkt. Und wo es sie gibt, bieten sie auch zahlreichen anderen Tier- und Pilzarten einen Lebensraum. So zum Beispiel im Urwald Sababurg, wo der Eremit nachgewiesen ist.

Wie kann der Eremit geschützt und gefördert werden?

Durch eine Freistellung absterbender starker Bäume in Altbeständen mit hohem Buchenanteil kann dem Eremiten geholfen werden. Das Freistellen bringt dem Baum mehr Licht und verbessert dadurch seine Wuchsbedingungen. Fällt mehr Sonne auf den Stamm, so erwärmen sich Holz und Mulm und verbessern dadurch das Mikroklima für die Larven im Mulm.

Arten-Patenschaft vom Forstamt übernommen

Auch die Arten-Patenschaft für den Eremit hat das Forstamt Reinhardshagen übernommen. Es setzt sich somit besonders für den Schutz  dieser sehr seltenen Art ein und führt entsprechende Maßnahmen zur Förderung der Population aus.
 


 

Eisvogel / Foto: VDN/Bernhard Pfaller

Der Eisvogel

Eisvögel leben an klaren, langsam fließenden Gewässern mit Steilufern, in die sie ihre Bruthöhlen graben können. Besonders viele solcher Steilufer gibt es im Holzapetal aber auch an der Diemel an Abschnitten ohne Uferverbauung. Auf einem über das Wasser ragenden Ast oder einer Wurzel sitzend hält der Eisvogel Ausschau und geht auf die Jagd nach kleinen Fischen. Steilufer sind ein Merkmal natürlicher Dynamik an Fließgewässern. Durch Uferbefestigungen sind sie besonders an größeren Flüssen verschwunden. Würde man Ufer nicht befestigen, so würden Flüsse einen viel größeren Raum einnehmen und in flachen Tälern bei hohen Wasserständen einen großflächigen Bereich überschwemmen - die Flussaue.


 

Dreizähniges Knabenkraut / Foto: VDN/usch

Dreizähnige Knabenkraut

Zu den seltenen Orchideen, die im Diemeltal auf Kalkmagerrasen wachsen, gehört das dreizähnige Knabenkraut. Sein Hauptverbreitungsgebiet liegt deutlich weiter südlich, nämlich am Mittelmeer. Im Diemeltal kommt es an seine nördliche Verbreitungsgrenze. Das dreizähnige Knabenkraut blüht im Mai und ist zum Beispiel im Naturschutzgebiet Stahlberg / Hölleberg zu sehen.


 

VDN/Jürgen Mayer

Schwarzstorch

Im Reinhardswald brüten seit einigen Jahren wieder Schwarzstörche. Anders als ihre weiß gefiederten Kollegen, sind Schwarzstörche Waldbewohner. Sie sind  sehr scheu und meiden die Nähe zu Menschen. Der Schwarzstorch nutzt seinen Horst über viele Jahre. Das Männchen kehrt, meist früher im Jahr als das Weibchen, an den Brutplatz zurück und beginnt mit den Reparaturen am Horst. Vor allem kurz nach der Ankunft sind Schwarzstörche sehr empfindlich gegenüber Störungen, sodass rechtzeitig vor der Ankunft die Forstarbeiten in der Umgebung eines Horsts eingestellt werden.

Wie können wir den Schwarzstorch schützen?

Schwarzstörche nisten im Wald auf alten Bäumen, deren Äste stark genug sein müssen, den schweren Horst zu tragen. Zudem müssen die Nistplätze ruhig und ungestört sein. Seine Nahrung sucht er auf feuchten Wiesen und entlang von Bachläufen und Tümpeln. Damit ist der Schwarzstorch an alte, große und geschlossene Waldgebiete mit Bachläufen und Stillgewässern gebunden, wie sie im Reinhardswald noch häufig vorzufinden sind. Der Erhalt dieser Lebensraumstrukturen ist daher der wichtigste Beitrag zum Schutz der scheuen Schwarzstörche.

Forstamt hat Arten-Patenschaft für den Schwarzstorch inne

Das Forstamt Reinhardshagen hat nach der Naturschutzleitlinie die Patenschaft für den Schwarzstorch übernommen und setzt sich somit besonders für den Schutz dieser seltenen und schützenswerten Tiere ein.


 

Wildkatze / Foto: VDN/Maik Elbers

Wildkatze

Europäische Wildkatzen sind Waldbewohner, wie ihr lateinischer Name Felis Silvestris andeutet. Ein idealer Wildkatzen-Wald ist groß, zusammenhängend und möglichst wenig durch Menschen gestört. Da Wildkatzen die Nähe zu Menschen meiden, sind Beobachtungen äußerst selten. Die Wildkatze ist etwas kräftiger als Hauskatzen und hat ein wenig kontrastreiches Fell. Am Schwanz hat sie eine dreifach schwarze Ringelung und auf dem Rücken einen durchgehenden schwarzen Strich.


 

Weißer Hirsch (Rotwild) / Foto: Jochen Dörbecker

Weiße Hirsche

Im Reinhardswald gibt es ein in Deutschland einzigartiges Vorkommen an weißen Hirschen oder genauer gesagt an weißem Rotwild. Es handelt sich hierbei aber nicht, wie man vielleicht erst vermuten mag, um Albinos, sondern um Rotwild mit einer besonderen Erbanlage. Sie kamen eins als Geschenk für den Landgrafen aus Tschechien in den Reinhardswald.  Rund 16 % der braunen Tiere im Reinhardswald tragen das Gen in sich. Aus zwei braunen Elterntieren mit diesem Gen kann demnach ein weißes Tier hervorgehen. Der Bestand an weißen Tieren wird auf ca. 50 Stück geschätzt. Die weißen Tiere stehen aufgrund ihrer Besonderheit unter Schutz und werden nicht bejagt. Um sie rankt sich ein Aberglaube unter Jägern: Wer einen weißen Hirsch schießt, stirbt kurz darauf.